Die Chroniken des Königreichs der Auslieferbarkeit

Zunftmeister Harnock

"Die Tradition hatte viele Hüter. Doch nur wenige bewachten sie mit solcher Hingabe wie Zunftmeister Harnock."

Zunftmeister Harnock leitete die Zunft der Aufgeschobenen Verbesserungen seit siebenunddreißig Jahren.


Niemand erinnerte sich mehr genau daran, wann er Zunftmeister geworden war.


Manche waren überzeugt, er sei einfach schon immer dort gewesen.


Wie der große Eichentisch.


Oder das Loch im Dach, von dem alle übereingekommen waren, dass es irgendwann einmal die Verantwortung eines anderen werden würde.


Er war ein großer Mann.
Nicht nur von Gestalt.
Sondern auch in seiner Ausstrahlung.


Wenn Harnock einen Raum betrat, erhoben sich die Gespräche.


Sein Bart war einst schwarz gewesen.
Nun trug er das würdige Grau eines Mannes, der jahrzehntelang oft genug Recht behalten hatte, um irgendwann aufgehört zu haben, sich selbst in Frage zu stellen.


Er trug die zeremonielle Schürze der Meisterhandwerker.


Sie wies bemerkenswert wenige Flecken auf.


Dies galt allgemein als untrügliches Zeichen großer Erfahrung.

Seine größte Tugend

Harnock kümmerte sich aufrichtig.


Er wollte, dass aus Lehrlingen hervorragende Handwerker wurden.


Schlampige Arbeit verabscheute er.


Gebrochene Versprechen ebenso.


Er war überzeugt, dass ein Handwerker jedes seiner Werke mit Stolz unterschreiben können müsse.


Mehr als einen nachlässigen Gesellen hatte er bereits aus der Zunft geworfen, weil dessen Arbeit dem Handwerk nicht würdig gewesen war.


Niemand zweifelte an seiner Integrität.


Am allerwenigsten Harnock selbst.

Seine größte Schwäche


Er war überzeugt, dass sich Gewissheit herstellen ließ.


Wann immer Unsicherheit auftauchte …


… verlangte er eine weitere Genehmigung.


Eine weitere Prüfung.


Einen weiteren Ausschuss.


Eine weitere Planungssitzung.


Ein weiteres Dokument.


Eine weitere Unterschrift.


Ein weiteres Regal.


Er nannte das niemals Verzögerung.


Er nannte es Verantwortung.


Für ihn war das ein und dasselbe.

Seine Philosophie

Zunftmeister Harnock sagte oft:

„Ein Meisterwerk ist nicht vollendet, wenn es funktioniert.
Es ist vollendet, wenn kein angesehener Mensch mehr etwas daran auszusetzen hat.“

Unglücklicherweise …

gab es stets irgendeinen angesehenen Menschen.


Er war fest davon überzeugt, dass große Vorhaben eine lange Vorbereitung verdienten.


Kleine Änderungen erschienen ihm verantwortungslos.


Wenn etwas wirklich wichtig war …

musste es selbstverständlich Monate dauern.


Vielleicht sogar Jahre.


Wie wichtig konnte es sonst schon sein?

Sein Verhältnis zum Fortschritt

Harnock bewunderte Innovation.


Zumindest grundsätzlich.


Vorausgesetzt, sie war zuvor zur Tradition geworden.


Einmal genehmigte er einen revolutionären neuen Hammer.


Dreiundzwanzig Jahre nachdem ihn alle anderen bereits verwendeten.


Er hielt das für umsichtig.

Sein Verhältnis zu Lehrlingen

Er war erstaunlich geduldig.


Stundenlang konnte er einem Anfänger beibringen, wie man einen Stechbeitel richtig schärfte.


Er beherrschte jede traditionelle Technik.


Schlechte Handwerkskunst erkannte er allein am Klang.


Die jungen Handwerker respektierten ihn.


Viele mochten ihn sogar.


Bis sie vorschlugen, etwas zu verändern.

Sein blinder Fleck

Zunftmeister Harnock verwechselte Geschäftigkeit niemals mit Faulheit.


Er verwechselte Geschäftigkeit mit Fortschritt.


Er glaubte, unfertige Arbeit sammle Wert an.


Er glaubte, sorgfältige Planung verringere Risiken.


Er glaubte, große Auslieferungen seien ein Zeichen von Bedeutung.


Er glaubte, Qualität entstehe durch Kontrolle.


Nicht, weil er töricht gewesen wäre.


Sondern weil jeder Erfolg seiner Jugend genau diese Überzeugungen bestätigt zu haben schien.


Die Welt hatte sich verändert.


Seine Philosophie nicht.

Sein Verhältnis zum Lehrling

Der Lehrling faszinierte Harnock.


Der Junge arbeitete anders.


Er vollendete eine winzige Sache, bevor er die nächste begann.


Er prüfte alles sofort.


Er trug kaum unfertige Arbeit mit sich herum.


Er fürchtete Komplexität mehr als Geschwindigkeit.


Harnock hielt das für Ungeduld.


Der Lehrling hielt Harnocks Vorgehensweise für unnötiges Zeremoniell.


Keiner von beiden hielt den anderen für dumm.


Lediglich für im Irrtum.


Was jede ihrer Unterhaltungen bemerkenswert höflich machte.


Und vollkommen unproduktiv.

Wofür Harnock steht

Innerhalb der Chroniken des Auslieferbaren Königreichs verkörpert Zunftmeister Harnock einen immer wiederkehrenden Archetyp:


Er handelt niemals böswillig.


Er ist oft bewundernswert.


Er liegt meist falsch.


Und gerade weil er aus Integrität statt aus Eitelkeit handelt, bleibt er selbst dann sympathisch, wenn seine Entscheidungen die absurdesten Konsequenzen nach sich ziehen.