Die Chroniken des Königreichs der Auslieferbarkeit
Die Zunft der Aufgeschobenen Verbesserungen
In Den Gleichmütigen Reichen, wo Berge gelegentlich beschlossen, sich ein paar Meter weiter links niederzulassen, sofern niemand genau hinsah, existierte eine höchst eigentümliche Zunft.
Sie nannte sich die Zunft der Aufgeschobenen Verbesserungen.
Ihr Zunfthaus war gewaltig.
Nicht, weil dort besonders viel geschaffen wurde.
Sondern weil dort Unfertiges gelagert wurde.
Jeder Handwerker erhielt beim Eintritt eine Schubkarre.
Nicht für Baumaterial.
Sondern für gute Vorsätze.
Erstaunlicherweise waren sie dafür genau richtig bemessen.
Man stellte nämlich bald fest, dass gute Vorsätze erheblich sperriger waren als Ziegel.
Im Inneren reihten sich endlose Regale aneinander, jedes sorgfältig beschriftet:
„Fast fertig.“
„Bereit zur Begutachtung.“
„Wartet auf Gerald.“
„Nur noch eine Kleinigkeit.“
„Sollte eigentlich funktionieren.“
Die Regale verschwanden irgendwo im Dunst der Halle, so weit, dass Gelehrte ernsthaft darüber stritten, ob sie überhaupt noch im selben Raum standen oder lediglich die natürliche Ausdehnung menschlichen Optimismus darstellten.
Zunftmeister Harnock war ausgesprochen stolz darauf.
„Niemand“, verkündete er gern, „prüft Handwerkskunst gründlicher als wir!“
Besuchern zeigte man beeindruckende Baupläne.
Detailreiche Zeichnungen.
Ausführliche Spezifikationen.
Elegante Diskussionen.
Kommissionen, die sich ausschließlich mit der angemessenen Farbe zukünftiger Dachziegel beschäftigten.
Nur eine Sache verwirrte die Besucher.
Außerhalb der Halle standen erstaunlich wenige Häuser.
Eines Herbstmorgens trat ein junger Lehrling der Zunft bei.
Er verfügte über wenig Erfahrung.
Einen recht durchschnittlichen Hammer.
Und eine höchst bedauerliche Angewohnheit.
Sobald er einen Ziegel fertig hatte, brachte er ihn unmittelbar zur Baustelle.
Ein anderer Maurer setzte den nächsten.
Ein Zimmermann fügte einen Balken ein.
Der Dachdecker bemerkte, dass etwas schief war.
Jemand richtete es gerade.
Und das Haus wuchs.
Die Zunft betrachtete dieses Verhalten mit größtem Misstrauen.
„Du kannst deine Arbeit doch nicht einfach sofort mit der der anderen zusammenbringen!“, rief Meister Harnock entsetzt.
„Was, wenn dabei ein Fehler entdeckt wird?“
Der Lehrling blinzelte.
„Genau darum geht es doch.“
Im Saal wurde es still.
Ein betagter Baumeister fiel geräuschlos in Ohnmacht.
Die Zunft berief daraufhin einen Prüfungsausschuss ein.
Der Ausschuss kam nach langen Beratungen zu dem Schluss, dass unmittelbares Zusammenbauen äußerst gefährlich sei.
Schließlich könnten dabei Fehler sichtbar werden.
Fehler, die ordentlich im Lager standen, verursachten weit weniger Aufregung.
Immerhin hatte sich noch nie ein Kunde über ein Haus beschwert, das niemals gebaut worden war.
Monate vergingen.
Das kleine Häuschen des Lehrlings war längst fertig.
Kinder spielten davor.
Aus dem Kamin stieg Rauch auf.
Der Regen blieb zuverlässig draußen.
Menschen lebten darin.
Währenddessen eröffnete die Zunft feierlich die vierhundertdreiundsiebzigste Begutachtung des perfekten Hauses.
Es hatte nie einen ersten Stein gesehen.
Doch jeder war sich einig, dass es das beste Haus werden würde, das niemals gebaut worden war.
Schließlich bat die Stadt eine alte Hexe, den Streit zu schlichten.
Hexen hatten die unerquicklich praktische Angewohnheit, komplizierte Erklärungen zu ignorieren und stattdessen zu beobachten, was tatsächlich geschah.
Sie betrachtete beide Baumeister.
Sie betrachtete das bewohnte Häuschen.
Sie betrachtete das riesige Lager voller unfertiger Arbeiten.
Dann kratzte sie sich nachdenklich am Kinn.
„Mit Häusern“, sagte sie schließlich, „ist das nämlich so eine Sache.“
Alle beugten sich gespannt vor.
„Sie verraten einem erst, dass sie nicht zusammenpassen …“
Eine kleine Pause.
„… nachdem man versucht hat, sie zusammenzubauen.“
Sie klopfte mit dem Finger auf den Hammer des Lehrlings.
„Holz verhandelt nicht mit Bauplänen.“
Dann tippte sie gegen einen Ziegel.
„Und Steinen ist es vollkommen gleichgültig, wie lange eure Ausschüsse getagt haben.“
Schließlich lächelte sie das Lächeln einer Frau, die ihr Leben damit verbracht hatte, hochintelligenten Menschen dabei zuzusehen, wie sie an einfachen Wahrheiten vorbeidachten.
„Man findet nicht heraus, ob Dinge zusammengehören, indem man sie voneinander fernhält.“
Und wie so oft bei den wichtigsten Erkenntnissen stimmten ihr schließlich alle zu.
Jedenfalls bis zur nächsten Ausschusssitzung.
Die Schubkarren für die guten Vorsätze standen bereits bereit.